An Rainer Basedow - Postlagernd


Lieber Rainer,

„Dis jeht ja nu jar nich!“ Wie der Machdeburjer sacht.  Du wusstest doch ganz genau, dass ich Dich nach Beendigung unserer Spielzeit im Juli in Salzburg besuchen kommen wollte. So war die Absprache. Und ich höre noch, wie Du sagtest: „Ich weiß auch schon, was wir für einen Wein trinken werden.“ Dabei wollten wir uns dann über die guten alten Zeiten im Kabarett und die neuen schlechten in der Welt mit Spott unterhalten. Jetzt willste Dich lieber mit Gott über die Welt unterhalten, oder wie? Na, in seiner Haut möchte ich da aber nicht stecken. Denn Du hast aus Deinem Herzen ja nie eine Mördergrube gemacht. Du trugst Dein Herz immer auf der Zunge. Du hast immer frei von der Leber weg geredet. Und die hatte gewiss keine leichte Aufgabe.

So hätten wir uns beim ersten Glas sicher daran erinnert, wie wir uns kennengelernt haben. Damals, 1989, beim ersten Gastspiel der „Lach- und Schießgesellschaft“ in der DDR für den Theaterverband. Beim anschließenden Treffen waren wir uns auf Anhieb sympathisch. Lag es an Magdeburg? Der Stadt, in der Du in Kindertagen jeden Tag den Weg zur Schule liefst und ich später ins Kabarett? Vielleicht. Aber viel mehr waren es die gleichen Ansichten über die Art und Weise Kabarett zu machen. Später erzähltest Du mir, dass Du von irgendjemanden gehört hättest, dass da in Magdeburg einer genau den Stil spielt, den die „Lach- und Schießgesellschaft“ auch spiele. Da wusste ich, warum nach der Wende plötzlich die Einladungen in den „Scheibenwischer“ und zu Gastspielen nach München kamen.

Inzwischen wären wir beim zweiten Glas und dem Tag angekommen, als ich mich 1993 entscheiden sollte, bei der „Lach- und Schießgesellschaft“ Ensemblemitglied zu werden. Leider warst Du bei diesem Gespräch nicht dabei, denn Du warst im Studio, um für den „König der Löwen“ das Warzenschwein Pumbaa zu synchronisieren.

Bei diesem Gespräch sagte man mir, dass Du eigentlich aufhören möchtest, was mich in meiner Zusage zögern ließ. Als wir uns dann abends nach der Vorstellung trafen, folgte folgender folgenschwere Dialog:

Ba:      Na, wie lief denn das Gespräch?
Pö:       Ich habe gehört, Du willst gehen?
Ba:      Na, wenn Du kommst, bleibe ich.
Pö:       Na, wenn Du bleibst, komme ich.

Daraus entstanden zwei schöne gemeinsame Jahre auf den Brettern der „Lach- und Schießgesellschaft“ und über 200 Vorstellungen bei den jährlichen 100-Tage-Tourneen quer durch das Land. Gleich bei der ersten bekam ich von Deiner Mathilde den Auftrag, auf Deine Gesundheit zu achten und aufzupassen, dass Du ja nicht das Gelbe vom Ei, dafür aber die Salatblätter neben dem Steak isst, wegen des Cholesterins. Was ich auch zu ihrer Freude, aber nicht immer zu Deiner getan habe. ...

Mittlerweile haben wir nun schon die Gläser drei und vier hinter uns und sind beim Abschied von München, denn nach 29 Jahren „Lach- und Schießgesellschaft“ wolltest Du dann doch 1995 Deinen Entschluss vom Gehen verwirklichen. Da dachte ich: „Ach, gehste gleich mit.“ Damals versprachen wir uns auf alle Fälle wieder etwas miteinander zu machen. Und wir hielten Wort. ... Das wäre dann der Grund, die nächste Flasche aufzumachen, nämlich für die Erinnerungen an „Die 3 von der Zankstelle“, als die wir ab 1999 viermal im Jahr als MDR-Fernsehkabarett über die Bildschirme flimmerten. Und die wir zu Deinem 75. Geburtstag noch einmal für die „Zwickmühlen-Bühne“ reaktivierten.

Es war immer eine Freude, neben DIR auf der Bühne zu stehen. Du wusstest immer, wo eine Pointe lauerte. Und wo keine war, haben wir uns eben eine erspielt.
Ich habe es still genossen, du hast es sogar öffentlich gemacht. In der „Münchner Abendzeitung“ 2006: „Mit Pölitz ist das ein bisschen wie einst zwischen ‚Didschi‘ Diedrich und Dieter Hildebrandt, der für mich immer noch 'ganz da oben' steht. Einfach der Beste. Wenn die beiden auf der Bühne standen, das war für mich Kabarett, der Inbegriff. Und der Pölitz ist einer, der noch das Hildebrandt-Denken hat. Politisch. Der kann noch richtig wütend werden.“
Da hast du recht! Zum Beispiel jetzt! Mensch, Rainer, der Juli war doch nicht mehr weit! Doch ehe ich mich auf die Landstraße in Richtung Salzburg begeben konnte, hast Du Dich in Richtung Milchstraße abgesetzt. Dabei war Timing eigentlich immer Deine große Stärke. Da habe ich viel von Dir lernen können. Und nun das! Erstens werde ich jetzt nie erfahren, welchen Wein wir getrunken hätten, und zweitens weiß ich ja nicht einmal, wohin ich diesen Brief jetzt schicken soll, um Dir DANKE zu sagen. Dafür, dass ich Dich kennen durfte, mit Dir arbeiten durfte und Dich Kollege nennen durfte, was nicht jeder durfte. Aber an welche Adresse?
Ach, ich schreibe einfach:  An die WG Hildebrandt, Drechsel & Basedow. Basedow 3x klingeln.
 

P.S. Auch wenn ich nicht weiß, welchen Wein Du ausgesucht hättest, ich werde ganz oft noch ein Glas auf DICH trinken.

Machs, gut, Rainer!

 

Dein Hans-Günther

 

 

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